… dem Harlekinmann

«Da stand er vor mir, in seinem Narrenkleid, als sei er gerade von einer Gauklertruppe davongelaufen, flirrend vor Begeisterung, ein Fabelwesen. Seine schiere Existenz war unwahrscheinlich, unerklärlich, ganz und gar verblüffend. (…) Der Zauber der Jugend verklärte seine bunten Fetzen, seine Armut, seine Einsamkeit, die tiefe Trostlosigkeit seiner sinnlosen Wanderungen. Seit Monaten – Jahren sogar – war sein Leben keinen Heller wert; und doch stand er da, auf eine tapfere, unbekümmerte Art lebendig, allem Anschein nach unzerstörbar in seiner Jugend und in seinem unbedachten Wagemut. (…) Dieser Zauber trieb ihn voran, dieser Zauber sorgte dafür, dass er am Leben blieb. Er wollte von der Wildnis nichts weiter als Raum zum Atmen und eine Chance, tiefer in sie einzudringen. (…) Wenn es je einen Menschen gab, der von einem vollkommen reinen, uneigennützigen, an keinen Zweck gebundenen Abenteuergeist erfüllt war, dann war es dieser Bursche im bunten Rock. (…) Um seine Verehrung für Kurtz hingegen beneidete ich ihn nicht. Sie war keine bewusste Entscheidung. Sie hatte sich seiner bemächtigt, und er hatte sie mit einer Art schicksalsergebenem Eifer hingenommen. Ich muss sagen, sie schien mir bei weitem das Gefährlichste, was ihm bislang begegnet war. (…)

‘Leben Sie wohl’, sagte ich. Er reichte mir die Hand und verschwand in der Nacht. Manchmal frage ich mich, ob ich ihn wirklich gesehen habe – ob es so etwas Unglaubliches tatsächlich geben konnte! …»

JOSEPH CONRAD «Herz der Finsternis» («Heart of Darkness»), 1902, übersetzt von Manfred Allié, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007

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