… Oahu

«Nach fünf Minuten sass ich im Sattel (…). Ich hatte keine Zeit, es mit den Worten ‘Dies ist ein Pferd’ zu beschriften, konnte es also nicht ändern, wenn jemand es für ein Schaf hielt. (…) Ich konnte erkennen, dass es genauso viele hervorstechende Eigenschaften hatte wie jedes andere Pferd, also hängte ich meinen Hut hinter dem Sattel an eine von ihnen, wischte mir den Schweiss vom Gesicht und trabte los. Ich nannte es nach dieser Insel ‘Oahu’. Als wir an einem Tor vorbeikamen, steuerte es darauf zu. Ich hatte weder Peitsche noch Sporen und besprach in aller Ruhe die Sache mit ihm. Das Ross liess sich nicht durch Argumente überzeugen, doch auf Schläge und Beschimpfungen reagierte es schliesslich. Es kam rückwärts aus dem Tor heraus und strebte einem anderen auf der gegenüberliegenden Strassenseite zu. Meine vorherige Methode erwies sich erneut als erfolgreich. Auf den nächsten sechshundert Metern überquerte es vierzehnmal die Strasse und erkundete dreizehn Tore, während die brennende Tropensonne mir das Hirn wegzuschmelzen drohte und ich buchstäblich triefte von Schweiss, Schmutz und Schimpfwörtern. (…) Danach gab mein Ross den Torlauf auf und wurde recht friedlich, schien aber in Gedanken versunken. (…) Ich vermutete, dass dieses heimtückische Tier gerade irgendeinen neuen Unsinn ausheckte, irgendeine Teufelei (kein Pferd hat je über ein Thema so gründlich nachgedacht wie dieses über rein gar nichts). Je länger ich über diesen Umstand nachgrübelte, desto unruhiger wurde ich, bis mir die Geduld riss und ich aus dem Sattel stieg (…). Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich war, als ich feststellte, dass es nur schlief.»

MARK TWAIN «Post aus Hawaii» («Letters from Hawaii»), 1866, übersetzt von Alexander Pechmann, mareverlag, Hamburg 2010