… Miss Perinetta Lasqueti

von schischeglia

«Miss Lasqueti wurde von fast allen am Katzentisch als potentielle alte Jungfer betrachtet (…). Sie war geschmeidig und so weiss wie eine Taube. Sie ging nicht gern in die Sonne. Man sah sie im Liegestuhl innerhalb der Rechtecke tiefen Schattens Krimis lesen, ihr hellblondes Haar wie ein kleiner Funken in der selbstgewählten Düsternis. Sie rauchte. (…) Miss Lasqueti hatte ein Lachen, dem man anhörte, dass ihm der Schmutz nicht ganz unbekannt war. Es war überraschend, weil es von einem so zurückhaltenden Wesen und schmächtigen Körper kam (…). Sie konnte wunderliche Dinge äussern. ‘Warum muss ich an Austern denken, wenn ich die Wendung trompe-l’oeil höre?’, hörte ich sie einmal sagen. (…)

Eine Eigentümlichkeit Miss Lasquetis war ihre Schläfrigkeit. Es fiel ihr schwer, zu bestimmten Tageszeiten wach zu bleiben. Man sah, wie sie gegen den Schlaf ankämpfte. Dieses Bemühren machte sie liebenswert, als wäre sie dauernd damit beschäftigt, eine unverdiente Strafe abzuwehren. In mancher Hinsicht war sie das Gespenst an unserem Tisch, denn es stellte sich heraus, dass sie schlafwandelte, was auf einem Schiff eine gefährliche Gepflogenheit ist. Ein weisser Splitter vor einem dunkel wogenden Meer, so sehe ich sie immer vor mir.»

MICHAEL ONDAATJE «Katzentisch» (The Cat’s Table»), 2011, übersetzt von Melanie Walz, Carl Hanser Verlag, München 2012

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