… Eva van Outryve de Crommelynck

von schischeglia

«Die Wände waren mit Bücherregalen gesäumt. Um den Kamin standen moosbewachsene Blumentöpfe mit Liliputbäumen. Zigarettenrauch hüllte das Zimmer in Filmrückblendennebel.

Auf einem Rattanthron sass eine alte, krötige Frau.

Alt, aber würdevoll, als wäre sie aus einem Gemälde gestiegen, mit silbernem Haar und einem königspurpurroten Schal. (…) Ihre Juwelen waren gross wie Brausepulverwürfel und Zitronenbonbons. Vielleicht war sie sechzig, vielleicht auch siebzig. Bei alten Leuten und kleinen Kindern weiss man das nie so genau. (…)

Sollte ich husten? Nein, das wäre dumm. Sie wusste, dass ich da war.

Rauch stieg von ihrer Zigarette auf. (…)

Ihr Buch hiess Le grand Meaulnes. (…)

Die Uhr auf dem Kaminsims zerlegte die Minuten in Sekunden.

Die Knöchel ihrer knochigen Finger staken hervor wie Tobleronedreiecke. Ab und zu wischte sie Asche von der Buchseite.

‘Mein Name ist Eva van Outryve de Crommelynck.’ Wenn ein Pfau eine menschliche Stimme hätte, dann ihre. ‘Du darfst mich ansprechen mit Madame Crommelynck.’ Ich war mir nicht sicher, aber ich hielt ihren Akzent für französisch. ‘Meine englischen Freunde, ein Genre, das heute ist bedroht vom Aussterben, sie sagen zu mir: ‘Eva, in Grossbritannien dein Madame klingt zu sehr nach Baskenmütze und Zwiebeln. Warum nicht einfach Mrs. Crommelynck? Und dann sage ich: Zur Hölle mit euch!’ (Sie sprach ‘Hölle’ wie ‘Ölle’ aus.) ‘Was ist schlecht an Baskenmütze und Zwiebeln? Ich bin eine Madame, und meine ‘e’ sitzt fest. Allons donc.»

DAVID MITCHELL «Der dreizehnte Monat» («Black Swan Green»), 2006, übersetzt von Volker Oldenburg, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007

Advertisements