Am Kaminfeuer mit …

Literarische Begegnungen

… Miss Perinetta Lasqueti

«Miss Lasqueti wurde von fast allen am Katzentisch als potentielle alte Jungfer betrachtet (…). Sie war geschmeidig und so weiss wie eine Taube. Sie ging nicht gern in die Sonne. Man sah sie im Liegestuhl innerhalb der Rechtecke tiefen Schattens Krimis lesen, ihr hellblondes Haar wie ein kleiner Funken in der selbstgewählten Düsternis. Sie rauchte. (…) Miss Lasqueti hatte ein Lachen, dem man anhörte, dass ihm der Schmutz nicht ganz unbekannt war. Es war überraschend, weil es von einem so zurückhaltenden Wesen und schmächtigen Körper kam (…). Sie konnte wunderliche Dinge äussern. ‘Warum muss ich an Austern denken, wenn ich die Wendung trompe-l’oeil höre?’, hörte ich sie einmal sagen. (…)

Eine Eigentümlichkeit Miss Lasquetis war ihre Schläfrigkeit. Es fiel ihr schwer, zu bestimmten Tageszeiten wach zu bleiben. Man sah, wie sie gegen den Schlaf ankämpfte. Dieses Bemühren machte sie liebenswert, als wäre sie dauernd damit beschäftigt, eine unverdiente Strafe abzuwehren. In mancher Hinsicht war sie das Gespenst an unserem Tisch, denn es stellte sich heraus, dass sie schlafwandelte, was auf einem Schiff eine gefährliche Gepflogenheit ist. Ein weisser Splitter vor einem dunkel wogenden Meer, so sehe ich sie immer vor mir.»

MICHAEL ONDAATJE «Katzentisch» (The Cat’s Table»), 2011, übersetzt von Melanie Walz, Carl Hanser Verlag, München 2012

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… William Lithgow

«Verständiger Leser! Wenn gute Bücher weise Ratgeber sind, so dürfen wahre Geschichten mit Fug und Recht unfehlbare Orakel, geheime Ratgeber, private Lehrmeister und treue Freunde zur Vermehrung des Wissens genannt werden, sofern man sie mit Bedacht liest und rechten Gebrauch von ihnen macht. Dieses unter grossen Mühen entstandene Werk enthält ausschliesslich Dinge, die ich mit eigenen Augen gesehen und erlebt habe (…). Da meine gefahrvollen Abenteuer das Ergebnis unzähliger Erlebnisse, Mühen, Freuden und Leiden sind, ist es nur vernünftig, sie sowohl dem massvollen und klugen Urteil der verständigen Leser vorzulegen wie auch der schwankenden Meinung verleumderischer Kritiker, die sich ungeniert über die Arbeit anderer auslassen, von ihrem eigenen Handwerk aber kaum das Nötigste verstehen. (…)

Bevor ich nun den Wohlmeinenden mein Werk überlasse, das seine Erwartungen nicht enttäuschen und seinen verdienten Dank finden wird, noch ein Wort an den kritischen Leser: Solltest du ein Lump, ein Grobian, ein Schurke, ein Querulant, ein Hanswurst oder ein dummer Esel sein, so sei ein Strick dein Lohn, damit meine leidvollen Reisen und die Mühen an diesem Buch vom tödlichen Gift deiner Verleumdung verschont bleiben. Geh hin und häng dich auf – ich pfeife auf deine Liebe wie auf deinen Hass und verbleibe: Dem Freundlichen stets zugetan, dem Missgünstigen, wie er’s verdient, William Lithgow

ROGER WILLEMSEN (Hg.) «Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow» («The Totall Discourse Of the Rare Adventures, and painefull Peregrinations of William Lithgow»), 1632, übersetzt von Georg Deggerich, mareverlag, Hamburg 2009

… Eva van Outryve de Crommelynck

«Die Wände waren mit Bücherregalen gesäumt. Um den Kamin standen moosbewachsene Blumentöpfe mit Liliputbäumen. Zigarettenrauch hüllte das Zimmer in Filmrückblendennebel.

Auf einem Rattanthron sass eine alte, krötige Frau.

Alt, aber würdevoll, als wäre sie aus einem Gemälde gestiegen, mit silbernem Haar und einem königspurpurroten Schal. (…) Ihre Juwelen waren gross wie Brausepulverwürfel und Zitronenbonbons. Vielleicht war sie sechzig, vielleicht auch siebzig. Bei alten Leuten und kleinen Kindern weiss man das nie so genau. (…)

Sollte ich husten? Nein, das wäre dumm. Sie wusste, dass ich da war.

Rauch stieg von ihrer Zigarette auf. (…)

Ihr Buch hiess Le grand Meaulnes. (…)

Die Uhr auf dem Kaminsims zerlegte die Minuten in Sekunden.

Die Knöchel ihrer knochigen Finger staken hervor wie Tobleronedreiecke. Ab und zu wischte sie Asche von der Buchseite.

‘Mein Name ist Eva van Outryve de Crommelynck.’ Wenn ein Pfau eine menschliche Stimme hätte, dann ihre. ‘Du darfst mich ansprechen mit Madame Crommelynck.’ Ich war mir nicht sicher, aber ich hielt ihren Akzent für französisch. ‘Meine englischen Freunde, ein Genre, das heute ist bedroht vom Aussterben, sie sagen zu mir: ‘Eva, in Grossbritannien dein Madame klingt zu sehr nach Baskenmütze und Zwiebeln. Warum nicht einfach Mrs. Crommelynck? Und dann sage ich: Zur Hölle mit euch!’ (Sie sprach ‘Hölle’ wie ‘Ölle’ aus.) ‘Was ist schlecht an Baskenmütze und Zwiebeln? Ich bin eine Madame, und meine ‘e’ sitzt fest. Allons donc.»

DAVID MITCHELL «Der dreizehnte Monat» («Black Swan Green»), 2006, übersetzt von Volker Oldenburg, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007

… Mr Ahrens

«Mr Ahrens war ein Bücherkenner, ein Sammler von Erstausgaben, ein Schöngeist, der sich für Raritäten interessierte. (…) Niemals, weder vor noch nach Ersamus, hatte es einen fröhlicheren, einen seligeren Begutachter gegeben als ihn. Ihm einfach zuzusehen beim Blättern (…) reichte schon aus, um einem Lust auf ein gutes Buch zu machen, auf eine behagliche Ecke oder Nische am hell flackernden Feuer, auf eine Pfeife – oh, durchaus eine Pfeife! Eine Pfeife! – und auf eine Flasche guten alten Ports (…). Bei seinem Anblick dachte man unwillkürlich an ein romantisches Cottage inmitten einer englischen Landschaft (…).

Mr Ahrens weckte im Menschen die inbrünstige Sehnsucht nach einem solchen Leben, den innigen Wunsch, ‘alles hinter sich zu lassen’ und den Rest seiner Tage in bezaubernder Ländlichkeit, bei beschaulichen Plaudereien mit der Köchin, dem Hausmädchen, dem Pfarrer und den alten Männern im Pub zu verbringen und die Abende im eigenen Cottage, beim Kaminfeuer mit einer Pfeife und einer Flasche alten Ports, in der Gesellschaft eines langhaarigen Hundes, mit einem Buch von Charles Lamb. (…)

Hier, in dem schrillen, ungewissen Leben dieser grossen Stadt, inmitten des blendenden Glitzerns, (…) schien Mr Ahrens die Requisiten für sein eigenes Wohlbehagen bei sich zu haben. Er war seine Pfeife, sein Port, sein Collie, sein behaglicher Kamin, sein englisches Cottage und sein Buch von Charles Lamb. Er musste nirgendwohin reisen, um all dies zu finden, denn er trug es stets mit sich.»

THOMAS WOLFE «Die Party bei den Jacks» («The Party at Jack’s»), 1930-37, übersetzt von Susanne Höbel, Manesse Verlag, Zürich 2011